Seit Jahrzehnten gehen die Entscheidungsträger der Fischereiwirtschaft von falschen Fangmengen aus. Eine neue Studie aus dem wissenschaftlich hoch-renommierten Fachblatt „nature“ zeigt, dass 1996 – dem Rekordjahr der Fischerei – nicht 86 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte gefangen wurden, sondern eher 130 Millionen Tonnen. Die rekonstruierten Daten zeigen weiter, dass die Fangmengen seither nicht nur etwas, sondern massiv abgenommen haben. Fazit: potenziell gibt es viel mehr Fisch und Meeresfrüchte im Meer als wir dachten, aber die Bestände nehmen noch viel schneller und stärker ab als bisher angenommen.

 

Fische und Meeresfrüchte sind geliebte und oft lebensnotwendige Proteinquelle

Wo wären wir ohne Fisch und Meeresfrüchte auf unseren Tellern? Ärmer dran – unser Essen wäre langweiliger und eine wichtige Komponente gesunder Ernährung würde fehlen. Noch mehr aber als uns würden Fisch und Meeresfrüchte in Entwicklungs- und Schwellenländern fehlen, wo sie oft die einzige Proteinquelle der Küstenbevölkerung darstellen. Unser Fischhunger wird größtenteils durch industrielle Fischerei gestillt – durch große bis riesige, schwimmende Fischfabriken, die in der Hochsee und vor allem in ausschließlichen Wirtschaftszonen andere Länder unterwegs sind. Denn unsere eigene Fischerei entlang der Nord- und Ostseeküsten kann weder genug Fisch und Meeresfrüchte liefern, noch alle Arten, die wir gerne auf dem Teller sehen.

 

Die FAO sammelt seit 1950 Daten, um ein sinnvolles Fischereimanagement zu ermöglichen – nur leider falsche Daten

Kommerzielle Fischerei

Kommerzielle Fischerei

Damit wir – das heißt vor allem unsere Entscheidungsträger – wohl informiert sind über das Ausmaß der weltweiten Fischerei, die Menge gefischter Fische und Meeresfrüchte und die Entwicklung der Fischerei, sammelt die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations – FAO) seit 1950 Fischereidaten aus allen Ländern. Das heißt, dass jedes Land jährlich berichtet, wieviel sie gefangen haben. Nur leider – und das ist schon lange bekannt – haben diese Zahlen aus diversen Gründen nicht immer viel mit der Realität zu tun. Aber wie wenig hier Statistik und Realität zusammenpassen wissen wir erst, seit vergangene Woche eine wissenschaftliche Arbeit von Daniel Pauly und Dirk Zeller von der Uni von British Columbia (Kanada) veröffentlicht wurde.

 

Original-Grafik aus dem Artikel:

Original-Grafik aus dem Artikel: „true catch of global fishing“
Copyright © Daniel Cressey, Nature Publishing Group Jan 19, 2016

Eine vielköpfige und multilinguale Sisyphusarbeit zur Rekonstruktion echter Fangmengen

Pauly und Zeller haben mit Hilfe vieler WissenschaftlerInnen und lokalen ExpertInnen aus aller Welt die internationalen Fangmengen von 1950 bis 2010 rekonstruiert. Die Rekonstruktionen sind auch zu finden auf der Seite seaaroundus.org. Sie basieren auf wissenschaftlichen Arbeiten, offiziellen Daten auf den Webseiten der Fischerei-Ministerien (oder Äquivalente dazu), Daten von nicht-Regierungsorganisationen und Kommunikation mit Experten in den verschiedenen Regionen und Ländern. Wichtig war den Wissenschaftlern dabei die meistens vorhandene Voreingenommenheit auf Informationen in englischer Sprache zu überwinden. Sie haben lokales Wissen in der jeweiligen Lands- oder Regionssprache angezapft.

 

 

 

Offiziell berichtete Mengen versus rekonstruierte Fangmengen

Diese mühsam zusammengetragenen Daten erzählen etwas ganz anderes als die offiziellen. Laut FAO-Daten hat der globale Fischfang von 1950 bis 1967 stark zugenommen, dann ist der Anstieg etwas abgeflacht aber die Zunahme der Fangmengen ging weiter bis 1996 die Spitze mit 86 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchten erreicht war. Seither sind die Erträge leicht nach unten gegangen und lagen 2010 bei 77 Millionen Tonnen. Der grobe Verlauf der rekonstruierten Kurve läuft ähnlich: steiler Anstiegvon1950 bis 1967, sanfter Anstieg bis 1996. Allerdings lag die Spitze 44 Millionen Tonnen höher als offiziell berichtet, nämlich bei 130 Millionen Tonnen! Und seither geht es bergab. Nicht nur ein bisschen, wie die offiziellen Zahlen behaupten, sondern massiv. Der Rekonstruktion zufolge lag die Menge gefangener Fische und Meeresfrüchte 2010 nicht bei 77 Millionen Tonnen, sondern bei 109 Millionen Tonnen. Der Ertrag ist in den 14 Jahren seit dem alles andere als nachhaltigen Spitzenwert also nicht um 9 Millionen Tonnen sondern um 21 Millionen Tonnen zurückgegangen. Im Durchschnitt liegen die rekonstruierten Fangmengen 53% über denen der FAO.

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Die Meere können mehr geben und sind in schlechterem Zustand als gedacht

Den Herren Pauly und Zeller zufolge ist das gleichzeitig ein Grund zum Lachen und zum Weinen: Zum Weinen, weil die weltweite Fischerei offensichtlich noch weit weniger nachhaltig ist als bisher angenommen und die Fischbestände noch drastischer abnehmen als gedacht. Ein Grund zum Lachen ist es, da die Menge an verfügbarem Fisch bei nachhaltig gemanagter Fischerei weit höher liegt als bisher vermutet. Wenn wir den Arten und Populationen nur genug Zeit und Raum geben, um sich zu erholen und sie danach gemäß sinnvoller, nachhaltiger Richtlinien nutzen, können sie die Teller von weit mehr Menschen füllen als wir bisher dachten.

 

Nicht nur industrielle Fischerei zählt

Wie kommt diese große Diskrepanz offiziell berichteter und rekonstruierter Fangmengen zustande?

  • Die FAO bekommt nur angelandete Fänge berichtet. Also zählt für sie nicht, was als Beifang zurück ins Meer geworfen wurde.
  • Angaben von „nicht bekannt“ oder „keine Daten verfügbar“, die von Ländern in ihren Berichten angegeben sind, werden von der FAO als „0“ gewertet. Und das auch, wenn bekannt ist, dass diese spezielle Fischerei in dem Land existiert.
  • Viele Ländern geben die Fangmengen aus kommerzieller Kleinfischerei nicht oder nur ungenügend an. Das wäre so, als würden die Mengen an Granat (Nordsee-Krabben), die in Greetsiel und Westerland an Land gebracht werden, nicht gezählt.

    Viele  Fischer decken nur ihren eigenen Bedarf

    Viele Fischer decken nur ihren eigenen Bedarf

  • Fischerei für den eigenen Bedarf zählt fast nirgends bei der Erstellung der offiziellen Daten. Hierbei geht es sehr häufig nicht nur um Fisch sondern auch um Muscheln und andere Meeresfrüchte, die bei Ebbe in Ästuarien gesammelt werden und besonders in Entwicklungsländern oft das Überleben der Familien sichern.
  • Als letzter Fischereisektor, der offiziell so gut wie nie gemeldet wird, ist das Sportfischen zu nennen. Also die Salzwasser-Fliegenfischer, die ihren Urlaub auf Inseln wie Kiritimati verbringen, oder die Hobbyangler, die in der Ostsee Dorsch oder im Atlantik Schwertfisch angeln. Dieser Sektor beschäftigt immerhin rund 1 Millionen Menschen weltweit und nimmt stetig zu, so dass auch die Fangmengen – wenn auch gering im Vergleich zur industriellen Fischerei der Industriestaaten – trotzdem gezählt werden müssen.

In der Rekonstruktion werden diese ganzen Sektoren berücksichtigt. Basierend auf früheren Angaben, Informationen lokaler ExpertInnen und Ministerien und z.B. auch anhand der Größe der Fangflotte werden für diese Bereiche fundierte Annahmen getroffen.

 

Umgang mit den neuen Informationen

Dieser Bericht kann einen Wendepunkt bedeuten – zumindest wenn die Daten ernst genommen werden. Denn der Artikel zeigt, dass das offizielle Berichtswesen in Bezug auf (Aus)Nutzung der Meere nicht nur mangelhaft sondern ungenügend ist und alle Regularien, die bisher aufgestellt wurden, von falschen Annahmen ausgehen. Entsprechend sollte das Berichtswesen verbessert werden, sollten Ländern darin unterstützt werden realistische Zahlen zu liefern, damit wir in allen Regionen ein nachhaltiges Fischereimanagement auf die Beine stellen können. Nur so können wir in allen Ländern weiter die geliebten und oft überlebensnotwendigen Früchte der Meere auf unseren Tellern haben. Ebenso wie die Global Ocean Commission fordern wir ein verbessertes Ocean Controlling. Darin müssen die vorliegenden Daten komplett gewürdigt und einbezogen werden. Auch müssen die darauf aufbauenden Fangmengen-Empfehlungen schnellstmöglich die zu hohen Entnahmen korrigieren und nach unten korrigiert werden.

 

Quelle: http://www.nature.com/ncomms/2016/160119/ncomms10244/pdf/ncomms10244.pdf. Alle Fakten basierend auf dem Artikel: „Independent study tallies ‚true catch‘ of global fishing, Author: Daniel Cressey, Nature Publishing Group, Jan 19, 2016, Copyright © 2016, Rights Managed by Nature Publishing Group