Im November sah das Korallenriff der zentralpazifischen Insel Kiritimati so aus, wie die Bilder des total gebleichten Great Barrier Reefs in Australien, die derzeit Schlagzeilen machen. Knochenweiße Korallen, keinerlei Farbe im Riff, außer die der Fische. Dieses Stadium hat das Riff von Kiritimati hinter sich gelassen und sein Zustand ist noch schlimmer. Es ist jetzt rot und pelzig. Die Korallen sind tot und Rotalgen haben ihre Skelette überwuchert. Der Grund für dieses Massensterben sind Wassertemperaturen von bis zu 4 °C über dem vorherigen Durchschnitt von rund 27-28 °C seit Frühsommer 2015, hervorgerufen durch den El-Niño. Kiritimati, das größte Atoll der Erde, ist der Ort, an dem dieser El-Niño die weltweit schlimmsten Schäden an Korallen angerichtet hat.

Heutiger Zustand eines der gesündesten Korallenriffe der Welt nach dem El-Niño 2015/2016: 80 % tot, 15 % gebleicht, 5 % lebendig

Heutiger Zustand eines der gesündesten Korallenriffe der Welt nach dem El-Niño 2015/2016: 80 % tot, 15 % gebleicht, 5 % lebendig

95 % der Korallen sind tot oder hungern

Dr. Julia Baum von der kanadischen University of Victoria beobachtet und untersucht den Zustand dieses Korallenriffs bereits seit acht Jahren. Sie beschreibt den Teil des Riffs, der entfernt von menschlicher Besiedelung ist, als eines der gesündesten und unberührtesten der Welt – bis dieser El-Niño zuschlug. Zwischen August 2014 und April 2016 waren sie und ihr Team bereits fünfmal auf der 2.000 km südlich von Hawaii nahe dem Äquator gelegenen Inseln und haben die Auswirkungen des gesamten El-Niño Phänomens auf das Korallenriff beobachtet. Danielle Claar, eine Doktorandin in Dr. Baums Arbeitsgruppe, sagte: „Unser erster Tauchgang bei dieser Expedition in der Bay of Wrecks (Wrackbucht) hat für mich besonders eingeschlagen. Es war dort, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben ein so tolles Riff mit Tischkorallen von mehreren Metern Durchmesser gesehen hatte. Ich musste mich einen Moment unter Wasser sammeln. Es ist nichts mehr übrig! Das war hart.“ Nach Aussage von Dr. Baum, die mit ihrem Team an vielen Stellen des Riffs getaucht ist, sind fast alle Korallen tot: „Unserer Abschätzung nach sind ungefähr 80 % der Korallen bereits tot, 15 % ganz oder teilweise gebleicht und nur noch 5 % mehr oder minder gesund“. Zu verdanken ist das den extrem hohen Wassertemperaturen über einen Zeitraum von rund neun Monaten. Korallen sind auf bestimmte Wassertemperaturen angepasst. Höhere Temperaturen bedeuten Stress für sie und gestresste Korallen stoßen die in ihnen lebenden Algen aus. Diese Algen sind die Energiespender der Korallen und liefern ihnen durch Photosynthese gebildete Zucker. Ohne Algen müssen die Korallen hungern. Dauert dieser Hungerzustand zu lang, sterben sie. Wenn Korallen ihre Algen abstoßen, verlieren sie die Farbe und werden knochenweiß – sie bleichen. Gestresste Korallen sind daher an ihrer schockierenden Farblosigkeit leicht zu erkennen.

Wo vor diesem El-Niño bunte Farben prangten herrscht jetzt das dumpfe Rot von Rotalgenteppichen vor

Wo vor diesem El-Niño bunte Farben prangten herrscht jetzt das dumpfe Rot von Rotalgenteppichen vor

„Grauenhaft“ – 35-60 % aller Korallen dieses Jahr unter Totenwache

Derzeit sind laut Dr. Mark Eakin, dem Koordinator des Korallenüberwachungsprogramms der US-amerikanischen Nationalen Ozean- und Atmosphärenverwaltung (National Oceanic and Atmospheric Administration – NOAA), ungefähr 36 % aller Korallenriffe weltweit diesem Stress durch warmes Wasser ausgesetzt und stehen ganz offiziell unter Totenwache. Bis Juli könnte diese Zahl auf bis zu 60 % ansteigen. Dr. Eakin kennt alle Zahlen dieses El-Niños und er hatte Schlimmes befürchtet, aber nach eigener Aussage hatte er keine Idee davon, wie schlimm es sein würde. Seine Reaktion auf die Fotos, die ihm Dr. Baum schickte, war: „grauenhaft“. Diesen Begriff oder ein Synonym hierfür haben alle verwendet, mit denen ich über den Zustand des Riffs gesprochen habe. Niemand hat erwartet, dass es so schlimm sein würde – niemand hat diese extremen Auswirkungen des Klimawandels auf die bereits durch denselben vorgeschädigten Korallen erwartet. Aber saurere Ozeane, erhöhte Ausganstemperaturen des Wassers und mehrere sehr starke El-Nino Ereignisse in den vergangenen vier Jahrzehnten durch den ungehemmt ansteigenden CO2-Ausstoß aus Verbrennung fossiler Brennstoffe und durch den Anstieg der Methankonzentration der Atmosphäre durch Massentierhaltung in den luftverschmutzenden Ländern (von anderen auch als „entwickelte Länder“ bezeichnet), waren zu viel für das Korallenriff von Kiritimati und viele andere.

 

Das schlimmste Korallensterben in 7.000 Jahren

Das Wort, das ich in den letzten Tagen von den Wissenschaftlerinnen am häufigsten gehört habe, ist „trostlos“. Und auch mir fällt bei den Tauchgängen mit Dr. Kim Cobb, einer Klimawissenschaftlerin an der Georgia Tech Universität (USA) und ihrem Team kein anderer Begriff ein. Wir tauchen durch einen Friedhof. Dr. Cobb markiert einige der wenigen noch lebenden Korallen, damit sie in ein paar Jahren Bohrkerne von diesen Individuen nehmen kann, falls sie den Rest dieses El-Niños auch noch überleben. Seit 18 Jahren jagt sie nach Spuren von El-Niño Ereignissen in fossilen Korallen und Bohrkernen noch lebender Korallen im Riff von Kiritimati. Ihr El-Niño Kalender erstreckt sich über die letzten 7.000 Jahre: „Wir haben eine stärkere El-Niño Aktivität in den letzten paar Jahrzehnten im Vergleich zur natürlichen Variabilität der letzten 7.000 Jahre“. Nicht die Frequenz der El-Niños generell nimmt zu, sondern ihre Stärke – die Frequenz der extremen El-Niño Ereignisse. Dr. Cobb: „Wir sehen sehr starke El-Niño Ereignisse in unseren fossilen Belegen. Es waren einzelne Ereignisse die nicht so viel Schaden angerichtet haben wie dieses Ereignis. Denn dieser El-Niño ist nahe am 1997/1998 El-Niño, nahe am 1982/1983 El-Niño und nahe am 1972/1973 El-Niño.“ In allen diesen Ereignissen sind einige der Korallen von Kiritimati gebleicht, aber keine oder nur wenige gestorben. Dr. Cobb erklärt weiter: “Was dieses Ereignis außerdem zu etwas besonderem für das Riff macht, ist, dass es zusätzlich zum Klimawandel geschieht. Die Ozeantemperaturen sind bereits im Durchschnitt wärmer als früher und dann kommt ein solches Monsterereignis. Das ist der Unterschied zwischen diesem El-Niño und früheren… In 7.000 Jahren hat es kein so massives Korallensterben hier gegeben wie diesen Winter. … Und als Wissenschaftlerin glaube ich, dass wir mit dem Klimawandel in einer Ära stärkerer El-Niño Ereignisses leben werden. Das ist etwas, das Auswirkungen auf die gesamte Welt hat, wie wir diesen Winter gesehen haben. Es gibt keinen Ort auf der Erde der durch dieses Ereignis nicht grundlegend beeinflusst wurde. „. Eine Aussicht, die wiederum das Wort trostlos nahelegt.

Doktorfische und andere Algenfresser spielen eine wichtige Rolle im Überleben des Korallenriffs

Doktorfische und andere Algenfresser spielen eine wichtige Rolle im Überleben des Korallenriffs

Korallenriffe sind lebensnotwendig für eine halbe Milliarde Menschen

Korallenriffe bedecken nur ungefähr 0,1 % des Meeresbodens, aber in ihnen leben ungefähr ein Viertel aller meeresbewohnenden Arten. Sie haben die höchste Biodiversität aller Lebensräume des Planeten und sie ernähren direkt oder indirekt annähernd eine halbe Milliarde Menschen, die entweder direkt im Korallenriff fischen, Rifffische in den Aquariumshandel verkaufen, Fische im freien Ozean fangen, die über die Nahrungskette von Korallenriffen abhängen, oder vom Korallenriff-Tourismus leben. Aber mit den Korallen verschwinden auch viele Fischarten und Arten anderer Meeresbewohner, wie es in etlichen Gebieten der Welt, beispielsweise in der Karibik, bereits passiert ist. Hier auf Kiritimati, das zu einem der ärmsten Länder der Welt gehört, ist das Korallenriff besonders wichtig. Fisch vom Riff oder Raubfische, die vom Riff abhängen, sind die wichtigste Proteinquelle der 6.350 Inselbewohner. Die Insel ist weltberühmt unter Fliegenfischern, vor allem für die Grätenfisch und gigantischen Stachelmakrelen in der Lagune, aber auch für die Thunfische, Fächerfische und Echten Bonitos im offenen Ozean. Die rund 1.500 Sportangler, die jedes Jahr hierher kommen, sind die wichtigste Einnahmequelle der Insel, abgesehen von Entwicklungshilfe-Projekten. Das Riff ist aber auch Heimat von beispielsweise Flammen-Zwergkaiserfischen, die wegen ihrer Farbenpracht von vielen Aquariumsbesitzern geschätzt werden. Momentan operieren auf Kiritimati zehn Unternehmen mit jeweils mehreren Angestellten, die die Fische einfangen und nach Hawaii für den weiteren Verkauf verschicken. Ohne Riff keine Rifffische, und ohne Rifffische kein Geld aus dem Aquariumshandel. Der Tod des Riffs wird sich mit Sicherheit sowohl auf die Fischerei zur direkten Nahrungsbeschaffung als auch auf den Devisenfluss der Inselbewohner auswirken – nur das Ausmaß ist noch unklar.

Nur Fische wie dieser Gelbe Masken-Pinzettfisch, die sich nicht von Korallen ernähren, habe noch eine Chance im toten Riff

Nur Fische wie dieser Gelbe Masken-Pinzettfisch, die sich nicht von Korallen ernähren, habe noch eine Chance im toten Riff

Babykorallen als Hoffnungsschimmer

Aber ist es wirklich komplett trostlos und hoffnungslos für die Korallenriffe von Kiritimati, diese bis vor knapp zwei Jahren einmalige Unterwasserwelt? Auf diese Frage antwortet Dr. Baum: „Ich denke es gibt eine Chance auf Wiederbelebung, aber sie wird langsam sein. Es wird zwei Jahrzehnte und mehr dauern, bis es wieder nach einem lebenden Riff aussieht und nicht nur nach Tod. Wir wissen, dass die wirklich großen Korallen weit länger brauchen, 50-60 Jahre. Aber es wird einen anderen großen El-Niño geben, das Riff wird sich nicht völlig erholen können.“ Danielle Claar ist etwas optimistischer: „Ich glaube es gibt Hoffnung. Wir haben einige Babykorallen im Riff gesehen, die sich erst kurz vor diesem Ereignis niedergelassen hatten. In diesem Stadium sind Sie am besten formbar, formbar in Bezug auf die Algen, die sie aufnehmen und auf ihre Geneexpression und -regulation. Diese winzigen Babykorallen sind es, die das Riff wiederbevölkern könnten und die eventuell darauf vorbereitet sind, weitere so starke El-Niños zu überstehen. Noch leben sie und wenn sie die nächsten paar Monate überstehen gibt es eine winzige Hoffnung, denn diese Babykorallen sind winzig und selten. “

Bis Ende des Jahres werden Wellen die Riff-Skelette in ein Trümmerfeld verwandeln und damit diesem Silberfleck-Husarenfisch seine lebensnotwendigen Verstecke zerstören

Bis Ende des Jahres werden Wellen die Riff-Skelette in ein Trümmerfeld verwandeln und damit diesem Silberfleck-Husarenfisch seine lebensnotwendigen Verstecke zerstören

Konkurrenzkampf zwischen Algen und Babykorallen

Allerdings müssen sich die Babykorallen noch gegen eine andere Gefahr durchsetzen, bevor sie aus der momentanen Wüste wieder ein farbenfrohes Korallenriff machen können, nämlich gegen Algen, die mit chemischen Waffen um Platz auf toten Korallen kämpfen. Laut Dr. Baum dürft der Zustand des Riffs vor diesem El-Niño Ereignis in diesem Kampf ausschlaggebend sein: „Wo gesunde Fischpopulationen waren und sind, vor allem algenfressende Fische, gibt es eine Chance. Diese Algenfresser werden eine Schlüsselrolle im Konkurrenzkampf von Makroalgen und neuen Korallen spielen.“ Die Fischbestände des Riffs sehen derzeit noch gut aus, aber die korallenfressenden Rifffische wie beispielsweise Falterfische sind schon deutlich seltener und könnten bald ganz verschwinden. Als nächstes verschwinden die Fischarten, die die Korallen nicht als Futter sondern als Versteck brauchen. Im Moment ist die 3-D-Struktur des Riffs noch vorhanden, aber Wellen und Strömungen werden die Skelette bis Ende des Jahres in ein Schotterfeld verwandeln. Nur lebende Korallen, deren Kalkskelett wächst, sind stark genug der Energie des Wassers zu widerstehen. Tote Korallen zerfallen und bieten den Fischen keine Verstecke mehr. Wie die Zusammensetzung der Fischbestände dann aussehen wird, weiß niemand genau, aber die Erfahrung in anderen zerstörten Riffen zeigt, dass größere, algenfressende Fische wie Doktorfische eine Chance haben dürften auch in dem zukünftigen Trümmerfeld noch überleben zu können. Sie könnten der Schlüssel zur Regeneration des Riffs sein.

Dr. Kim Cobb markiert eine der wenigen noch lebenden Korallen, um sie in ein paar Jahren wiederfinden zu können

Dr. Kim Cobb markiert eine der wenigen noch lebenden Korallen, um sie in ein paar Jahren wiederfinden zu können

4 °C zu warm überlebt – aber was wird noch kommen?

Das einstmals atemberaubende Korallenriff des größten Atolls der Erde hat also noch eine Chance, eine winzige. Aber diese Chance besteht nur, wenn unsere großen Chemie- und Energiekonzerne endlich auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe verzichten, sinnvolle CO2-Reduktionsmaßnahmen vornehmen und der Methanausstoß durch Massentierhaltung massiv reduziert wird. Also nur, wenn alle Staaten die auf dem Klimagipfel im Dezember in Paris vereinbarten Maßnahmen zur Reduktion des Treibhausgasausstoßes einhalten und weiter drastisch verbessern. Denn ansonsten wird die Grundtemperatur des Ozeans weiter deutlich steigen und die Intensität der El-Niño Ereignisse ebenfalls. Die hoffnungstragenden Babykorallen haben 4 °C zu warmes Wasser überstanden, aber würden sie auch 6 °C oder noch mehr überstehen?

 

Quellen:
• Interviews und Gespräche mit Dr. Julia Baum, Dr. Kim Cobb und Danielle Claar;
• CBS/AP April 6, 2016, 4:55 PM: Scientists blame warming, El Niño for „gruesome“ coral crisis