Thalassia_Mangrove

Thalassi Wiese mit Mangrovensprößling im Gezeitenbereich (Rotes Meer)

Wenn wir von aussterbenden Arten der Meere sprechen, bekommen Meeressäuger und Schildkröten viel Aufmerksamkeit, ebenso wie Haie und verschiedene Fischarten, vor allem solche, die wir gerne essen. Aufgrund ihres absurden oder grazilen Aussehens kommen auch Seekühe und Seepferdchen immer wieder ins Rampenlicht. Tatsächlich ist das ja nur die Spitze des Eisbergs. Viele Arten sind vom Aussterben bedroht oder gefährdet, finden aber außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft keine oder kaum Beachtung, obwohl sie grundlegend für das Gleichgewicht des Lebens im Meer sind. Zu diesen Grundlagen marinen Lebens gehören auch Seegräser. Seegräser sind Blütenpflanzen, die sich vor Jahrmillionen aus Landpflanzen entwickelt haben. Sie blühen, werden bestäubt und versämen sich, genauso wie ihre Verwandten an Land, nur eben im Meer. Derzeit sind 72 verschiedene Seegrasarten bekannt und beschrieben. Einige leben im Gezeitenbereich und verkraften es periodisch trocken zu fallen. Andere leben in einem eng begrenzten Tiefenbereich irgendwo zwischen der Oberfläche und 70 m Tiefe, noch andere kommen in verschiedenen Tiefen vor und sind nicht so sehr auf einen bestimmten Lebensraum festgelegt. Es gibt also ebenso wie bei Landpflanzen Spezialisten und Generalisten. Und jede 5. Art der heute bekannten Seegräser steht auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature) als stark gefährdet (endangered), gefährdet (vulnerable) oder potenziell gefährdet (near threatend). Es dürfte keine Überraschung sein, dass die meisten der Arten mit schlechter Prognose küstennah in den oberen Wasserschichten leben und damit den Einflüssen vom Land her – also unseren menschlichen Einflüssen –am stärksten ausgesetzt sind. Sie leiden an Überdüngung, Versandung, Verlust des Lebensraums, mechanischer Zerstörung und Vergiftung.

Seegraswiesen sind wichtige Wasserreiniger, CO2-Speicher und fungieren als Brutgebiete für viele Fische und Seepferdchen

Posidonia_oceanica

Posidonia oceanica mit Fischschwarm im Mittelmeer vor Gozo

Aber was macht es konkret aus, wenn ein paar Seegrasarten sterben? Wozu sind die Pflanzen überhaupt gut? Seegraswiesen für sich sind ein wichtiger, küstennaher Lebensraum, durch den das Wasser gereinigt, Nährstoffe recycelt und sandiger Meeresboden befestigt und vor Erosion geschützt wird. Sie sind wertvoller Bestandteil komplexerer mariner Ökosysteme und tragen zur Gesundheit von Korallenriffen, Salzmarschen, Mangrovenwäldern und Austernbänken bei. Seegraswiesen sind sehr produktiv und stehen an der Basis mariner Futternetze. Einerseits sind sie direkter Weidegrund beispielsweise für die Grünen Pazifikschildkröten oder Seekühe, andererseits werden abgerissene Teile an der Küste angeschwemmt oder ins offene Meer abgetrieben. Durch diesen Abfallzyklus tragen Nährstoffe bis in die Tiefsee ein. Davon abgesehen spielen die hochproduktiven Seegraswiesen eine kleine aber wichtige Rolle in der Kohlenstoffspeicherung, indem sie Kohlendioxid aus dem Wasser oder der Luft aufnehmen und in organisches Material umsetzen. Durch die ausgedehnten Wurzeln verbleibt ein großer Teil dieses organisch gebundenen Kohlenstoffs im Sediment oder wird in Form abgerissener Pflanzenteile in die Tiefsee verlagert. Sie werden so langfristig dem Meer und der Atmosphäre entzogen. Damit spielt Seegras eine wichtige Rolle für die Reduktion des Kohlendioxidgehalts küstennaher Meere und hilft beim Abwenden der Effekte des Klimawandels. Wesentlich direkter und offensichtlicher ist jedoch die Wichtigkeit der Wiesen für viele Tierarten, darunter Seepferdchen, denen sie Lebensraum, Brutgebiet und Schutz für Larven und Jungtiere bieten. Auch etliche für die Fischerei wichtige Fischarten sind in verschiedenen Lebensstadien auf Seegras angewiesen oder profitieren von ihnen.

In unserer westlichen Gesellschaft wird ja allem ein monetärer Wert gegeben und die Erhaltenswürdigkeit an diesem gemessen. Der Wert von Seegraswiesen wurde mit US$ 34 000 pro Hektar und Jahr berechnet – weit mehr als viele andere Lebensräume im Meer oder an Land. Von gesunden Seegraswiesen hängt nicht nur das Leben vieler Tierarten ab sondern auch der Lebensunterhalt von Millionen Menschen, vor allem in tropischen Küstenregionen. Seegräser kommen überwiegend in den Tropen vor, aber einige Arten leben auch im Norden entlang der Küsten Norwegens, Alaskas und Russlands, bzw. im Süden an der Küste Chiles.

Die Weidegebiete der Meere sind gefährdet und stehen deshalb vielerorts unter starkem Schutz

Weltweit ist eine Abnahme der von Seegräsern bewachsenen Flächen zu verzeichnen. Wie zu erwarten sind die am meisten bedrohten Arten Spezialisten, die entweder nur in einem sehr engen Tiefenbereich nahe der Oberfläche wachsen, oder die eine sehr geringe regionale Ausbreitung aufweisen. Oder beides. Diese 15 Arten sind aber nicht die einzigen, deren Population schrumpft. Weitere 7 Arten gehen ebenfalls zurück, aber nicht so viel, dass sie nach IUCN-Kriterien in den besorgniserregenden Bereich fallen würden.

Posidonia_oceanica_Ablagerung

Abgestorbenes Seegras Posidonia oceanica am Strand (Gozo)

Zum Glück gibt es aber auch Seegrasarten, deren Population stabil ist (29 Arten) und solche, deren Ausdehnung zunimmt (5 Arten). Für die restlichen 16 Arten ist der Populationstrend unbekannt.

Die stärksten Rückgänge von Seegrasbestand müssen in China, Korea und Japan beobachtet werden, in Regionen mit sehr starker Bebauung der Küste. Durch Landgewinnung, Häuserbau und Küstenbefestigungen werden Seegraswiesen mit Sediment und Schadstoffen belastet und mechanisch zerstört. Aber auch Schleppnetzfischerei und Aquakulturen beschädigen Seegraswiesen in großem Maße. Mechanische Schäden durch Boote, Häfen und Anker sind in einigen Regionen problematisch, ebenso wie eingeführte oder eingewanderte Arten, die mit den Seegräsern um Platz und Nährstoffe konkurrieren. Krankheiten setzen den Wiesen zu und haben zu großräumigem Absterben von Seegräsern geführt, genauso wie Überdüngung und die daraus resultierenden Algenblüten. Die Probleme, denen Seegräser ausgesetzt sind, ergänzen oder verstärken sich oft gegenseitig. Welche Auswirkung der Klimawandel auf die Pflanzen haben wird ist noch völlig ungeklärt.

Derzeit sind 115 Arten an Fischen, Wirbellosen, Schildkröten und Meeressäugern, die von Seegraswiesen abhängen, in der Roten Liste der IUCN als vom Aussterben bedroht, stark gefährdet oder gefährdet gelistet. Ihre Überlebenschancen werden durch den globalen Trend des Rückgangs von Seegraswiesen nicht unbedingt besser.

Seegraswiese in Florida

Seegraswiese im Golf von Mexiko in Florida

Was können wir tun, um das Überleben der Seegräser zu garantieren? Weltweit muss die Bebauung von Küsten stärker reglementiert und kontrolliert werden, bzw. insgesamt der Umgang mit Küsten, so dass weniger Sedimente und Verschmutzungen das küstennahe Wasser belasten. Zerstörerische Praktiken wie Bodenschleppnetzfischerei müssen verboten, Küstenschutzzonen eingerichtet und die Bebauung und Entwicklung von Ufern reduziert bzw. limitiert werden. Die Gesundheit der Seegraswiesen ist elementar für die Gesundheit anderer küstennaher Lebensräume und für das Überleben von Millionen Menschen.

 

(Hauptquellen:El Shaffai (2011). Field Guide to Seagrasses of the Red Sea. IUCN and Courbevoie, France: Total Foundation. viii + 56pp;  Short et al (2007). Global seagrass distribution and diversity: A bioregional model. Journal of Experimental Marine Biology and Ecology 350 (2007) 3–20; Short et al (2011). Extinction risk assessment of the world’s seagrass species Biological Conservation: 144(7) 1961-1971)